Das Lehrer-Schüler-Eltern-Gespräch Teil 1

Das „Lehrer-Schüler-Elterngespräch“, für mich die einzig wirksame Methode. 👍 Sie gibt den Kids Transparenz, lässt sie Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen und beteiligt sie an der Lösungsfindung.
Wie angekündigt noch einige best-practice-Ideen, die ich für meine Gespräche beherzige, denn ein paar Dinge gibt es schon zu beachten, auch wenn ich meine Gespräche möglichst simpel halte. Schön kompakt als kleine Videoeinheiten.
👉 Heute: Was bringen diese Gespräche und wie werden sie vorbereitet?
👉 Morgen: Der Gesprächseinstieg

Für die Vorbereitung der Gespräche gilt: Keep it simple! Je weniger Fragen der Vorbereitungsbogen hat, umso einfacher für die Schülerinnen und Schüler zu beantworten. Das Ziel ist, alle gehen möglichst entspannt in das Gespräch und wissen ungefähr, was sie erwartet.
😮 Nichts wäre blöder, als wenn die Schüler bei zu vielen Fragen auf einige keine Antwort wissen. Das sorgt nur für Unsicherheit. Es ist auch alles erlaubt, was den Kids als Antwort einfällt. Da dürfen auch nicht-schulische Dinge zur Sprache kommen. All das sorgt dafür, dass sie Bestätigung bekommen und sich großartig fühlen dürfen. (Für alle Marte-Meo-Insider: Ein wenig „Happ-Happ“ 🙂 😊
Fragen, Kommentare gerne erwünscht. Mehr Tipps und Material auch morgen im Newsletter.

Meetup Schule verändern in Frankfurt am Main

VERSCHOBEN AUF NEUEN TERMIN: 17. Januar 2017 19.30 Uhr!

Am Mittwoch den 30.11.2016 um 19.30 Uhr findet ein erstes Meetup zum Thema „Schule verändern“ statt. Treffpunkt ist die Robert-Schumann-Schule in Frankfurt Heddernheim.
Kommen können alle, die an Bildung und Schule interessiert sind und sich besonders für eine zukunftsweisende Veränderung von Schule einsetzen möchten. Ziel ist es ein Unterstützernetzwerk für den Raum Frankfurt einzurichten, in dem Ideen und konkrete Hilfsangebote umgesetzt werden können.
Wer nicht kommen kann ist aber trotzdem eingeladen, dem Meetup zu folgen. Eine Zusammenfassung mit weiteren Ideen gibt es im nächsten Newsletter, darum hier dafür anmelden! Gleiches gilt natürlich auch für Interessenten, die zum ersten Treffen kommen und gerne die Zusammenfassung per Mail erhalten möchten.

Stressfaktor Elterngespräche

Wie man erfolgreich Elterngespräche führt, ist leider nur in einem viel zu geringen Umfang teil der Lehrerausbildung. Entfesseltes Lernen möchte junge Lehrer, Berufseinsteiger und Referendare durch Tipps erfahrener Kollegen unterstützen. Wie erfahrt ihr im Video.
Mehr Infos bald auch im Newsletter, meldet Euch an unter:

Neu im Schuldienst?

Du bist neu im Schuldienst, oder noch Referendar? Geht es Dir dann auch so, wie der Lehrerin in diesem Video?

Auf Entfesseltes Lernen soll Dir bald geholfen werden: Tipps von erfahrenen Kollegen, die die Probleme des Alltags wirklich kennen. Alles in leicht verdaulicher Form, zum Beispiel als kurze Videos.
Du willst nicht verpassen, wenn es losgeht? Dann trage Dich für den Newsletter ein.

Bestehen Sie den Lehrer-Eignungstest?

Stärken_Lehrer
Würden Sie den Lehrer-Eignungstest bestehen? Nein? Noch nie davon gehört?
Okay, sind wir ehrlich, den gibt es nicht. Leider. Denn bisher entscheiden vor allem Durchschnittsnoten die Eignung zum Lehrerberuf. 
In unserer Schullaufbahn wurden wir daher vor allem im Bereich unserer logisch-mathematischen und sprachlichen Intelligenz getestet. Ein kleines bisschen noch in unser körperlich-kinästhetischen und musisch-rhythmischen Intelligenz. Schon ganz nett, aber damit kann ich viele erdenklich andere Berufe ergreifen.
Aber wissen Sie anhand Ihrer Schulabschlüsse, wie es bei Ihnen im Bereich der interpersonellen und intrapersonellen Intelligenz bestellt ist? Ach, Sie auch nicht. Dabei finden sich hier die wirklich wichtigen Kompetenzen für den Lehrerberuf.

Wenn man den Gedanken der Stärkenorientierung konsequent weiter denkt, dann heißt dies auch zwangsläufig, dass dieser nicht bei den Schülern endet.
In meinem Videoblogbeitrag über Stärken habe ich festgestellt, dass Menschen immer wieder dazu neigen, sich selbst passend für einen Job zu „machen“. Sie schreiben sich Eigenschaften zu, die sie eigentlich gar nicht haben, wenn sie mal ganz ehrlich wären. Aus den unterschiedlichsten Gründen möchten sie aber diesen Job, darum biegen sie sich die Realität zurecht.
Richtig wäre doch aber, sich seinen Stärken bewusst zu sein und sich daraufhin den genau passenden Job zu suchen. Das sorgt langfristig gesehen für wesentlich mehr Zufriedenheit.

Wir halten also fest, Kinder bzw. junge Erwachsene sollten nach ihrer Schulzeit ihr Stärkenprofil genau kennen, was viel zu oft nicht der Fall ist. So gesehen müssten sich auch die Menschen mit den richtigen Stärken für den Lehrerberuf entscheiden.

Mit einer gewissen Mischung aus Belustigung und Sorge betrachte ich junge Studierende, die an unserer Schule ihr Praktikum absolvieren. Ich habe meine Hochachtung vor denen, die sich bewusst oder unbewusst genau das richtige Betätigungsfeld gesucht haben. Man spürt es einfach, ob das passt. Diese Menschen gehen auch im stressigsten Alltag förmlich auf.
Gar nicht so selten beschleicht mich das unangenehme Gefühl, der oder die eine oder andere sucht sich aufgrund falscher Versprechungen von sehr viel Freizeit und Ferien und lebenslanger Absicherung diesen Beruf aus.
Erfreulicherweise gibt es in der Lehrerbildung eine vorsichtige Tendenz hin zu mehr Praxis. Denn gerade dort spürt man am intensivsten, ob das passt. So manches Mal möchte ich den Kandidaten auch aus Sicht von Schulleitung gerne sagen: Dies ist nicht der Job, der genau zu ihren Stärken passt. Für meinen Geschmack ist es aber viel zu sehr von den Ausbildern an den Universitäten abhängig, ob sich die angehenden Lehrer in Hinblick auf diese Frage überhaupt reflektieren.

Dadurch stellt man dann verwundert fest, dass es auch unter den jungen Kollegen immer wieder welche gibt, die sich hinter ihrer Klassentür verschanzen und Alleinherrscher in ihrem Universum spielen wollen. Völlig ungeachtet, ob sie wirklich genau das tun, was ihren Schülern gut tut.

Es mangelt in der Lehrerausbildung nach meiner Erfahrung nach nicht an methodischem und didaktischem Wissen. Angehende Lehrer werden aber nicht auf ihre innere Haltung und ihrer persönlichen Eignung bspw. in Bezug auf ihre Stärken und Schwächen für diesen Beruf hin überprüft. Ich habe als Mentorin die unangenehme Erfahrung machen müssen, dass Menschen in das Referendariat gehen, die in Bezug auf ihre Haltung und sozialen Kompetenzen im Bereich der interpersonellen und intrapersonellen Intelligenz nicht für diesen Beruf geeignet sind. Dann zählt auch nicht mehr der Spruch:  Hire for attitude, train for skills, wenn es bereits an der attitude mangelt.

Selbstverständlich sind Lehrer individuelle Persönlichkeiten und ich finde es für Kinder eine wertvolle Erfahrung, mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten zurechtkommen zu müssen. Denn das schult wiederum deren soziale Kompetenzen. Aber ein Grundkanon an Eigenschaften oder Stärken gehört einfach zu diesem Beruf. Welche sind dies?

1. Einfühlungsvermögen
Dazu gehört insbesondere das „Lesen“ von Gefühlen und Gemütszuständen anderer Menschen, durch verbale und nonverbale Zeichen. Lernen ist eng an den emotionalen Zustand gekoppelt, indem man sich befindet. Die Hirnforschung hat den intensiven Zusammenhang belegt. Um dies für den Unterricht nutzen zu können, muss ich instinktiv wissen können, in welchem emotionalen Zustand sich meine Schülerinnen und Schüler befinden. Ich muss es nicht nur wissen, ich muss auch darauf reagieren können, was ein wesentlich höherer Level der gleichen Kompetenz ist. Ich muss also mein eigenes Verhalten darauf abstimmen können, was andere empfinden.

Wenn Sie über diese Stärke verfügen, dann wundern sie sich vermutlich nicht, wenn Schüler auf eine völlig harmlose Äußerung fluchtartig und mit den Türen knallend den Raum verlassen, weil Sie die angespannte Stimmung schon zuvor bemerkt haben. Eine Eigenschaft die immer wichtiger wird, je näher die Schülerschaft der berüchtigten Pubertät kommt.
Aber es geht nicht nur darum negative Emotionen wahrzunehmen, die Ihre Schüler vielleicht gerade am Lernen hindern. Wenn Sie zusätzlich noch eine Stärke zur Improvisation haben, dann merken Sie, wenn Ihre Schüler von einem Thema, einer Aufgabe o.ä. so richtig angefixt sind. Vielleicht ändern Sie dann spontan Ihre Pläne für diese Stunde und nutzen eine wunderbare Lernchance.

2. Empathie
In diesem Zusammenhang ist besonders die Fähigkeit gemeint, neben Emotionen auch Sichtweisen und Beweggründe anderer Menschen zu erkennen und zu verstehen, auch wenn sie nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen. So manches Mal scheint es auf den ersten Blick nicht sehr logisch, wie Schüler  gerne mal reagieren. Dann ist es nicht sehr zielführend, einfach nur den Kopf zu schütteln und das Verhalten des Schülers als „Spinnerei“ abzutun. Irgendwas steckt oft dahinter, auch wenn es nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist. Dafür ein Gespür zu entwickeln schafft Vertrauen, welches eine unbedingt wichtige Emotion für gelingendes Lernen ist.
Wenn es um Eltern geht ist diese Stärke ebenfalls sehr zielführend. Die Beweggründe für das Handeln von Eltern wiedersprechen sehr gerne mal den eigenen. Die eigene Sichtweise als die einzige wahre zu deklarieren und in Bezug auf die Eltern nur zu denken: „Die spinnen ja!“ ist weder zielführend noch wird es das Leben der Kinder erleichtern. Man muss vieles nicht gut finden, trotzdem haben Eltern das Recht eigene Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen. Wenn man als Lehrer dann auch nachvollziehen kann, warum sie diese Entscheidungen fällen ist ein erster Schritt um verhärtende Fronten zu verhindern. Und es ist den Kindern am wenigsten geholfen, wenn Lehrer und Eltern gegeneinander arbeiten.

3. Teil eines Ganzen sein
Auch wenn das Lehrerdasein bedeutet, jeden Tag vor einer Vielzahl Menschen zu bestehen, sollte man nicht zu denen gehören, die zwanghaft zu jedem Zeitpunkt im Mittelpunkt stehen wollen.
Als Lehrer beziehen Sie Energie daraus, mit anderen zusammenwirken zu können und der Erfolg anderer beflügelt Sie. Sie können sich somit in einer Gemeinschaft einfügen und beziehen ihre Energie aus diesem Zusammenwirken.
Schüler spüren, wenn jemand ganz authentisch an einem guten Zusammenwirken interessiert ist. Lehrer sind so etwas wie das Epizentrum der Gruppendynamik. Wichtig ist vor allem das Gespür, wann es an der Zeit ist, sich zurückzuziehen und den Schülern die Bühne zu überlassen.
Hinderlich sind in diesem Zusammenhang sicherlich Allmachtsphantasien und Ängste die Kontrolle zu verlieren. Wobei auch nicht gemeint ist, die Zügel komplett aus der Hand zu geben. Aber je mehr man ein Teil des Ganzen sein kann, umso mehr kann man Anerkennung verteilen, was Kinder emotional wachsen lässt. Wenn man sich selbst nicht immer als zu wichtig nimmt, können auch Kinder sich stark fühlen. Diese Stärke wohlbalanciert leben zu können, führt einen über kurz oder lang zum „Flow“ beim Unterrichten.

4. Dynamisches Selbstbild
Sie stehen dafür, dass jeder seine Fähigkeiten weiter entwickeln kann? Sie glauben auch an Ihre eigene Weiterentwicklung?
Man kann sich jetzt streiten, ob dies wirklich eine Stärke ist, oder aber eine innere Haltung. Auf jeden Fall liefert das Dynamische Selbstbild einen wertvollen Beitrag zum Lernerfolg aller Beteiligten. Zu diesem Punkt gehört nämlich auch die Fähigkeit, aus Fehlern lernen zu wollen und als Lehrer sollte man in jedem Fall fehlertolerant sein, bieten sich doch hier sehr wert volle Lernchancen. Vor allem: Wenn Sie gut aus ihren Fehlern lernen können und daraus wirklich das Beste machen, sind Sie ein wertvolles Vorbild für Ihre Schüler.
Die Weiterentwicklung Ihrer Schüler ist etwas, aus dem Sie ebenfalls Energie ziehen können und darüber messen Sie die Wirksamkeit Ihres Tuns. Dies funktioniert natürlich nur, wenn Sie einen Blick für diese Dinge haben.

5. Selbstreflexion
Und zwar eine gehörige Portion davon. Mal ehrlich, wer möchte von jemandem lernen, der sich für unfehlbar hält?
Diese Stärke sollten Sie auch in Ihren Schülern fördern, soweit dies möglich ist. Denn diese ist darüber hinaus ein wichtiger Weg zur Resilienz, die einen die schwierigen und stressigen Tage gut überstehen lässt. Wenn Sie sich selbst hinterfragen können, dann steuern Sie auch in einer wesentlichen Art und Weise Ihren Einfluss auf Ihre Schüler. Sie wissen dann auch, dass niemand von Beginn an perfekt ist und dies auch ein völlig überzeugender Anspruch ist. Als reflektierter Lehrer läuft man auch nicht so schnell Gefahr, sich selbst als zu wichtig nehmen und sich durch Situationen persönlich angegriffen zu fühlen. Auch wenn Schüler sich respektlos äußern und Eltern manchmal unverschämt sind, sie dürfen dies nicht als Wertung Ihrer Person betrachten. Als reflektierter Lehrer können Sie einen Schritt zurück treten und die Situation als das betrachten was sie ist, anstatt Dinge hinein zu interpretieren, die gar nicht da sind. Glauben Sie mir, Sie erleichtern sich wesentlich das Leben.
Das strahlen Sie aber auch nach außen aus und dieser Umstand macht Sie zu einem Menschen, zu dem man aufschauen kann und von dem man gerne lernen möchte. Sie merken, es gibt Wege, wie allen Seiten geholfen ist.

Sind wir realistisch, niemand ist 100% von alldem. Aber gerade wenn man über die letzte Stärke verfügt, welche zum Bereich der intrapersonellen Intelligenz gehört, werden Sie bestrebt sein, immer wieder auch an sich zu arbeiten.
Außerdem haben Sie noch andere Stärken, die sich dazu auch in einem besonderen Maß ergänzen. Sicherlich wäre es aber fatal, wenn Sie keine dieser Stärken hätten.
In diesem Sinne: Haben Sie Mut, in sich hinein zu schauen!

Stärken in der Schule

Zeugnisse, Förderpläne, Klassenarbeiten… Schule protokolliert vorrangig, was Kinder eben nicht können.
Ein ressourcenorientierter Blick hat die Stärken der Kinder im Zentrum. Wie finde ich diese aber heraus und wie kann damit in der Schule arbeiten? Mehr dazu im neuen Videoblog.

 

5 gute Gründe, warum sie kein Lehrer werden sollten

Gründe_Lehrer

Lehrer ist ein grundsätzlich sehr attraktiver Beruf. Man hat vormittags Recht und nachmittags frei, ohne Ende Ferien, man weiß eigentlich gar nicht, was man mit seiner Freizeit alles anfangen soll. So viele Makramee- oder Töpferkurse bietet die Volkshochschule gar nicht an, wie man belegen könnte.

Aber alle Paradiese haben ihre Schattenseiten, so auch dieses. Hier kommt eine kleine Auflistung dessen, was sie leider auch in Kauf nehmen müssen, sollten sie sich verständlicherweise für diesen Beruf entscheiden.

1.: Abwechslung
Sie lieben die vorhersehbare Eintönigkeit eines durchgeplanten Alltags? Sie wissen gerne schon um acht Uhr morgens, was sie um 11 Uhr erwartet? Sie planen am Ende schon mehrere Tage im Voraus? Dann ist dieser Beruf sicher nichts für sie. Denn kein Tag ist wie der andere, die meisten Tage enden auch nicht so, wie man es sich am Anfang des Tages noch vorgestellt hat. Schwierige Situationen tauchen gerne völlig ohne Vorwarnung auf. Und kündigen sich fieserweise auch nicht durch bedrohliches Grummeln oder dunkle Wolken am Horizont rechtzeitig an.
Das kann gleich morgens der Papierstau am Kopierer sein, der es ihnen nicht erlaubt, die Klassenarbeit zu kopieren. Jedenfalls nicht ohne, dass sie sich vorher durch die Eingeweide des Geräts gewühlt haben, wozu kurz vor der ersten Stunde die Zeit fehlt. Oder es ist die Bleistiftattacke von Klein-Jonas auf Marie, während sich am anderen Ende des Klassenraums Jakob über sein Matheheft erbricht und Josephine scheinbar grundlos zu weinen anfängt.

2.: Zuneigung und menschlicher Kontakt
Sie sind tendenziell eher so der Typ Einzelgänger? Dann hält der Berufsalltag des Lehrerberufs bereits an einem Vormittag mehr menschlichen Kontakt bereit, als Sie vermutlich in der Lage sind in einem Monat zu ertragen. Dabei bietet sich ihnen die gesamte Bandbreite gesellschaftlicher Vielfalt. Je jünger die Klientel, desto enger der Kontakt. Ob sie wollen oder nicht!
Da ist nichts mit zwei Stunden allein sein im stillen Kämmerlein. Sobald sie den Schulhof betreten ist es so, als wäre irgendwo ein stummer Alarm losgegangen: „Lehrkörper geortet!“ Irgendein Gesicht tritt rufend und gestikulierend um die Ecke. Wenn sie jetzt nicht schnell ins Schulhaus kommen, führt kein Weg dran vorbei sich unterhalten zu müssen. Ihre „Kundschaft“ lässt sich leider nicht mit einem gegrummelten „Guten Morgen“ abspeisen.

3.:  Stereotype und Vorurteile pflegen
Schwarz-weiß ist ihre Farbe? Der Blick über den Tellerrand löst bei ihnen Schwindelgefühle aus? Es interessiert sie herzlich wenig, was hinter der Fassade ist?
Der Alltag als Lehrer wird ihnen ihre Vorurteile jeden Tag schonungslos vorführen und sie werden erkennen müssen, dass es in Schule vor allem ein konfuses Bunt gibt und schwarz-weiß sie leider nicht ans Ziel führt. Sie werden auf eine verwirrende Art mit guten Gründen für menschliches Verhalten konfrontiert und entwickeln am Ende, wenn es doof läuft, noch Verständnis. Die Welt wäre so einfach, wenn Hans einfach nur ein fauler Nichtsnutz wäre! Sobald sie aber wissen, dass seine alleinerziehende Mutter jeden Abend bei einem anderen Mann unterwegs ist und am Wochenende ihren Sohn alkoholisiert zum Bäcker schickt, werden sie ihr Weltbild nur noch mit großer Kraftanstrengung aufrecht erhalten können.

4.: Schlechte Laune kultivieren
Sie haben lange an ihrer Griesgrammiene gefeilt, jede Falte sitzt? Nette Worte lösen bei ihnen Ausschlag oder Übelkeit aus? Lachen aus vielen verschiedenen Kehlen ist in ihren Ohren ungefähr so attraktiv wie eine Kreissäge?
Es ist die hohe Kunst, eine ausgeprägte Griesgrämigkeit über einen ganzen Vormittag aufrecht zu erhalten. Ungefragt werden sie mit Nettigkeiten konfrontiert wie: „Sie sind die netteste Lehrerin der Welt.“  Der Gipfel der Unverschämtheit sind plötzliche Umarmungen, gerade bei jungen „Kunden“. Scheinbar jede geeignete Situation wird mit völlig sinnvoller Heiterkeit kommentiert. Es erfordert viel Kraft, die Mundwinkel über mehrere Stunden in perfekter Tiefflugformation zu halten. Wenn sie sich dann aber doch aus Versehen auf den nassen Schwamm gesetzt haben und dies eine prustende gute Laune-Explosion hervorruft, ist der Tag für sie gelaufen. Wenn sie einmal signalisiert haben, dass sie Lachen tolerieren, ist es wie ein Virus. Sie werden es auch nicht mehr los. Dann ist es vorbei.

5.: Sinn und Bedeutung
In ihrer Freizeit sortieren sie Büroklammern nach Farbe und nummerieren ihr Klopapier? Sinnlos? Na und! Sie schert es schließlich nicht, was andere tun und denken, daher können sie auch ihre Zeit mit völlig sinnlosen Dingen vergeuden.
Wenn sie in solchen Tätigkeiten aufgehen, wird ihnen die ständig vor Augen geführte Sinnhaftigkeit ihres Tuns  als Lehrer schon nach kurzer Zeit gehörig auf den Geist gehen.  „Das hat heute Spaß gemacht, weil ich richtig viel gelernt habe.“ Sätze ihrer Albträume. Wenn sie sich ungeschickt anstellen und Probleme rechtzeitig erkennen und intervenieren, werden sie am Ende noch das Leben eines jungen Menschen beeinflusst haben. Puh, gruselig.

Sie sehen, es gibt gute Gründe einen großen Bogen um diesen Beruf zu machen. In diesem Beruf brauchen sie Haltung und davon nicht zu wenig. Nichts für schwache Nerven  und Leute mit einer Phobie vor Menschen.

Wenn sie aber ein offenes Herz haben und die Vielfalt menschlichen Seins genießen, sie ihre Erfüllung aus Begleitung und Entwicklung junger Menschen ziehen, sie sich ernsthaft für andere freuen können und ein ehrliches Interesse an anderen haben, sie darüber hinaus bereit sind, kontinuierlich auch an sich selbst zu arbeiten, dann ist dieser Beruf vermutlich goldrichtig für sie. Beziehungsweise sie sind goldrichtig für diesen Beruf, was viel entscheidender ist.

Wenn sie aber ein offenes Herz haben und die Vielfalt menschlichen Seins genießen, sie ihre Erfüllung aus Begleitung und Entwicklung junger Menschen ziehen, sie sich ernsthaft für andere freuen können und ein ehrliches Interesse an anderen haben, sie darüber hinaus bereit sind, kontinuierlich auch an sich selbst zu arbeiten, dann ist dieser Beruf vermutlich goldrichtig für sie. Beziehungsweise sie sind goldrichtig für diesen Beruf, was viel entscheidender ist.

Was Schule und insbesondere die Kinder brauchen, sind Lehrer aus Passion und mit der richtigen Haltung. Die wirklich eine Leidenschaft zum Beruf machen und diese auch im Alltag noch leben und für die Lernen durch Begeisterung dadurch keine hohle Phrase ist. Zum Glück kenne ich auch etliche von denen. Das macht mir Hoffnung.

Statisches oder dynamisches Selbstbild und Lernerfolg

Denken Sie statisch oder dynamisch? Sie haben noch gar nicht darüber nachgedacht?
Dann sehen sie sich dieses Video an und lernen sie ihr Selbstbild etwas genauer kennen. Gerade Lehrer sollten sich mit dieser Frage beschäftigen, darum geht es ebenfalls im Video: Wie hängen dynamisches Selbstbild und Lernerfolg zusammen? Was können Lehrer tun, um ihre Schüler ein dynamisches Selbstbild entwickeln zu lassen?

In Schwierigkeiten Chancen sehen

problem
Wenn Sie mich fragen, was die wichtigsten Überlebensstrategien für Lehrer wären, dann würde ich Ihnen heute diese Antwort geben: Sehen Sie Schwierigkeiten als Chancen an.
Denn: Schwierigkeiten gibt es im Lehreralltag genug, das würde wohl kaum jemand bestreiten.

Nun gibt es im Lehreralltag verschiedene Kategorien von Schwierigkeiten:

Kategorie 1: Die „Mach-dir-keinen-Kopf-sondern-improvisier“-Schwierigkeiten

Der Kopierer streikt kurz vor der ersten Stunde mit Papierstau? Die vorbereitete Deutsch-Arbeit zu Hause auf dem Schreibtisch liegen lassen? Die Sprach-CD im Englischunterricht hängt?
Die Lösung: Mach dir keinen Kopf! Und wo es geht: Improvisieren.

Bei der Masse an Kopien, die wir Lehrer im Schuljahr umsetzen, ist die statistische Wahrscheinlichkeit sehr hoch, mindestens ein paar Mal im Monat einen Papierstau zu erleben. Jeder von uns hat auch schon mal die Vorbereitung und schlimmstenfalls die vorbereitete Klassenarbeit zu Hause vergessen. Technik hat so ihre Tücken, das ist kein Grund sich aufzuregen. So what.
Stehen Sie dazu und finden Sie eine Möglichkeit zu improvisieren.

Kategorie 2: Die „Nicht-auch-das-noch“-Schwierigkeiten

Eltern die kurz vor dem Unterricht noch in der Tür stehen und „nur mal kurz“ ein Gespräch wollen? Schulleitung kündigt ein Jahresgespräch oder einen kurzen Unterrichtsbesuch an?  Kollegen überreden Sie zur Mitarbeit in einer Vorbereitungsgruppe, obwohl Sie das Thema nur mäßig interessiert?

Jetzt wird es schon ein klein wenig kniffliger, denn über diese Sachen sollte man nicht mit einem Schulterzucken hinweggehen und Improvisation ist hier auch nicht immer angeraten.
In Situationen wie diesen stecken auf jeden Fall kleine Chancen.
Klar, Eltern unangemeldet in der Tür stehen zu haben ist oft kein Grund zur Freude, mindestens hält es uns auf. Viele empfinden ein solches Verhalten als Affront und verhalten sich von vorneherein ablehnend, was es meistens unter dem Strich nicht besser macht.
Zeigen Sie sich offen. Hören Sie sich das Problem kurz an, die Eltern fühlen sich wahrgenommen, was ihnen sehr wichtig ist. Vielleicht sind es Eltern, denen Sie sowieso noch eine Kleinigkeit mitteilen wollten? Schlagen Sie dann zwei Fliegen mit einer Klappe. Sobald sich keine einfache Lösung andeutet, vereinbaren Sie sofort einen Gesprächstermin. Die Eltern werden ohnehin nicht locker lassen und Sie ersparen sich so ein Telefonat.

Die Schulleitung möchte Ihren Unterricht sehen? Diese Ankündigung löst selten Freude aus, sondern tendenziell eher Stress. Tausende Fragen schießen einem durch den Kopf: Hat sich jemand beschwert? Was wenn sie/er sieht, dass meine Organisation gerade nicht so läuft? Was wenn sich die Kinder gerade dann daneben benehmen?
Wir Lehrer sind ständig in der Situation auf die eine oder andere Art zu bewerten. Wir reagieren aber zuweilen bemerkenswert unresilient, wenn wir eine auf uns gemünzte Bewertung kommen sehen. Fühlen wir uns doch gerne wie kleine Alleinherrscher in unserem kleinen Reich hinter der Klassentür. Sind wir aber nicht.
Wo könnten hier die Chancen liegen? Wir alle erliegen mit der Zeit den Tücken der Alltagsroutine. Wir alle haben das Unterrichten erlernt, werden aber im Laufe der Zeit gerne betriebsblind. Manche Methoden sind gar nicht so wirksam, wie anfangs vermutet. Manchmal halten wir an alten Dingen fest, weil wir scheuen etwas Neues auszuprobieren. Manchmal schätzen wir auch Schüler falsch ein.
Keiner, egal wie lange im Dienst, ist vor solchen Dingen gefeit. Und es wäre auch ein ganz fatal falscher Anspruch, den perfekten Unterricht machen zu wollen. Den gibt es gar nicht.
Beobachtung und Rückmeldung von außen kann sehr heilsam sein, also öffnen Sie sich der Situation. Noch besser: Werden Sie proaktiv. Setzen Sie sich einmal ganz selbstkritisch mit ihrem Unterricht auseinander. Wo sind Sie sich unsicher? Teilen Sie dann der Schulleitung vorab mit, zu welchen Punkten Sie sich Rückmeldung wünschen. Das macht Eindruck und lenkt die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung. Das anschließende Gespräch ist dann nicht mehr komplett unvorhersehbar. In einigen Dingen wissen Sie ja schon, um was es geht. Seien Sie in Ihrer Einstellung konstruktiv, Sie werden merken, das tut gut.

Kollegen haben Sie zu einer Mitarbeit in einer Gruppe überredet, aber das Thema interessiert Sie nur mäßig?
Vielleicht hat man Sie eingeladen, weil man Ihre Meinung zu dem Thema sehr schätzt. Dann liegt eine Form von Anerkennung in dieser Einladung, die sollten Sie erwidern.
Ganz unabhängig davon: Gibt es Aspekte, die Sie in das Thema einbringen können, die Ihnen wichtig sind? Könnte das Thema nicht doch eine Bedeutung für Sie haben, wenn Sie es nur aus dem richtigen Blickwinkel betrachten? Nutzen Sie die Chance, sich mit den für Sie relevanten Dingen einzubringen. Nur wenn wir die Gestaltungsräume nutzen, die sich uns bieten, können wir in Schule auch etwas verändern.

Kategorie 3: Die „Ich-kann-nicht-mehr“-Schwierigkeiten

Ein Schüler Ihrer Klasse macht Ihnen mit seinem Verhalten das Leben schwer? Kollegen schneiden Sie und reden hinter Ihrem Rücken über Sie? Eltern beschweren sich bei der Schulleitung über Sie und schalten die übergeordneten Instanzen ein?

Ein Schüler Ihrer Klasse macht Ihnen mit seinem Verhalten das Leben schwer? Kollegen schneiden Sie und reden hinter Ihrem Rücken über Sie? Eltern beschweren sich bei der Schulleitung über Sie und schalten die übergeordneten Instanzen ein?

Der schwierige Schüler kann die ganze Stimmung in der Klasse zum Kippen bringen. Sicher haben Sie viel ausprobiert, aber nichts scheint zu helfen. Sie pflegen regelmäßigen Briefkontakt zu den Eltern und das Fehlverhalten des Schülers füllt eine dicke Akte.
Zwischenmenschliche Schwierigkeiten engen unsere Sichtweise sehr oft ein. Wir können die Chancen in diesen Situationen oft nicht selbst erkennen. Daher: holen Sie sich Hilfe. Dies muss keine Fachkraft sein, dies dauert oft zu lange. Bitten Sie einen Kollegen oder eine Kollegin, Sie und den Schüler im Unterricht zu beobachten. Tauschen Sie sich anschließend aus. Oft hat sich schon ein Muster zwischen Ihnen und dem Schüler eingeschlichen, welches Sie selbst gar nicht mehr wahrnehmen können.
Zweitens: Versuchen Sie einen Perspektivwechsel. Oft kennen Sie die Hintergründe des Schülers. Wenn Sie also dieser Schüler wären, warum verhalten Sie sich so? Wenn Sie hier jemanden finden, mit dem Sie gemeinsam überlegen können, noch besser. Wenn Sie einmal nicht nur von Ihrer eigenen Problemschiene aus denken, kommen Ihnen oft ganz überraschende Einsichten. Verständnis für die Situation ist der erste Schritt zu einer Lösung. Im besten Fall geht es dann Ihnen und Ihrem Schüler besser.

Probleme mit den Kollegen? Warten Sie nicht lange und sprechen Sie an, was Sie bewegt. Sie ergreifen so die Chance, ein eventuell falsches Bild von Ihnen gerade zu rücken. Oder Sie erfahren, dass auch Ihre Kollegen Schwierigkeiten haben und es entsteht die Möglichkeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Hier gilt, je eher desto besser.

Die Eltern proben den großen Aufstand? Eine sehr unangenehme Sache und man fühlt sich schnell sehr auf den Schlips getreten. Verständlich aber so schwer es auch fällt, versuchen Sie die andere Seite zu sehen und öffnen Sie sich den Argumenten. Vielleicht kommt bei Ihren Eltern wirklich etwas falsch an und Sie können etwas dazu beitragen, für eine entspannte Situation zu sorgen. Je offener Sie sich den Argumenten stellen, desto wird man Ihnen Respekt entgegen bringen. Hier liegt die Chance, selbst die Grundlage für eine entspannte Elternarbeit zu legen. Das wird Ihnen auf lange Sicht gesehen, den Alltag sehr viel leichter machen.

Sie sehen, es erfordert im ersten Schritt durchaus Mut, hinter den Schwierigkeiten die Chance zu sehen und dadurch offensiv damit umzugehen. Aber: Sie können nur gewinnen. Je mehr Einsichten Sie gewinnen, umso mehr werden Sie lernen können, umso mehr werden Sie noch lange mit Spaß und Elan unterrichten können.
Niemand möchte mit einer uneinsichtigen und sturen Person zusammenarbeiten oder ihr / sein Kind von so jemand unterrichten lassen. Also haben Sie Mut, es lohnt sich!

Lehrer & Eltern: Verhärtete Fronten oder? Eine Mutmachgeschichte

Ziege

Manchmal scheint es schwer zu glauben, dass kleine Dinge schon den Unterschied machen. Wenn ich zum Beispiel sage, dass es einen großen Unterschied macht, mit welcher Haltung man seinen Beruf ausübt, so mag das auf den ersten Blick komisch klingen. Der ein oder andere Leser ist da vielleicht zu Recht skeptisch.

Aber es ist so. Gerade Elternarbeit hängt ganz stark von der inneren Haltung des Lehrers ab. Ich habe dies auch nicht so glauben wollen und war eine Weile der Meinung, dass manche Eltern sich in der Schule einfach komisch aufführen. Meine erste Reaktion war dann oft: „Was läuft denn bei denen falsch?“ 
Oder auch: „Wie anmaßend, dass sie mir sagen wollen, wie ich meinen Unterricht machen soll. Ich habe schließlich nicht Lehramt studiert, um mir dann von Eltern sagen zu lassen, wie ich meinen Beruf ausübe. Ich sage doch dem Chirurgen nicht, wie er operieren soll.“
Na, wer denkt so manches Mal vielleicht auch so, wenn Eltern den Forderungskatalog aufmachen und jede Unterrichtsentscheidung hinterfragen oder daran etwas auszusetzen haben?

Meine Geschichte wie ich begann umzudenken, kam einige Zeit, nachdem ich an meiner jetzigen Schule als Lehrerin und Konrektorin angefangen hatte.
Ich war Klassenlehrerin einer Klasse im Flexiblen Schulanfang, das heißt ich unterrichtete Kinder im ersten und zweiten Schuljahr gemeinsam. Es war der Normalfall, dass die Kinder mit dem Übergang in die 3. Klasse eine neue Lehrerin bekamen. Ich entschloss mich damals, mit den Kindern zusammen den Übergang zu gestalten und mit ihnen in die 3. Klasse zu wechseln. Für meinen Geschmack war das eine ganz charmante Idee und als ich den Kindern dieses verkündete, war die Stimmung sehr gut. Alle schienen sich zu freuen.

Der Dämpfer kam nach dem Wochenende, als plötzlich eine Mutter, nennen wir sie Frau Heinz, einen Gesprächstermin mit der Schulleitung einforderte. Gleich die große Runde, mit Elternbeirat noch einigen anderen Eltern, nur ich sollte fernbleiben. Tenor der Gesprächs: Entweder wechselt mein Kind die Klasse oder jemand anderes wird Klassenlehrer!
Ich fiel aus allen Wolken. Wie konnte sie nur? Sicher, ich hatte immer ellenlange Briefe, weil sie immer alles ganz genau wissen wollte und jede meiner Entscheidungen in Frage stellte. Mal waren es zu viel oder zu wenig Hausaufgaben, die Kinder lernen zu wenig und überhaupt war bei ihrem großen Kind alles ganz anders.
(Man muss dazu sagen, dass das größere Geschwisterkind eher klassischen Frontalunterricht und wenig offene Unterrichtssituationen erlebt hatte.)

Die Schulleitung bestand auf meiner Anwesenheit beim Gespräch und ich hätte auch gut darauf verzichten können. Das Gespräch verlief auch wie erwartet unangenehm und war im Wesentlichen eine Flut von Anschuldigungen. Schulleitung und Elternbeirat bemühten sich um Konsens und Fazit war, das Kind bleibt genau wie ich in der Klasse, aber ich versuche einige Wünsche der Mutter, vor allem nach Information, zu berücksichtigen.

So ging ich in die Sommerferien. Dabei waren sehr gemischte Gefühle. Von: „Na, das kann ja heiter werden!“ bis: „Ich überlebe das Schuljahr nicht!“. Die Gemütslage schwankte täglich. Kurz vor den Sommerferien plauderte ich mit dem Kind von Frau Heinz bei einem Ausflug. Das Kind wusste natürlich von dem Aufstand den die Mutter machte. Das Kind war darüber eher peinlich berührt. Aber wir kamen ins Gespräch und dabei fiel ein Satz, der mich aufhorchen ließ: „Weißt du, meine Mama hat wegen allem Angst, weil sie es ganz schwer an der Schule hatte.“
Während der Ferien, als ich mal wieder mein Leid über diese unmöglichen Eltern klagte, wurde mir plötzlich die Frage gestellt: „Was denkst du, warum macht sie das?“
Mein erster Reflex war, diese Frage von mir zu weisen mit: „Naja, sie hat halt irgendein Problem, was weiß ich.“ Aber dann fiel mir das Gespräch von dem Ausflug wieder ein und es gleichzeitig die Schuppen von den Augen. Ich versuchte das Gedankenexperiment und schlüpfte einmal in ihre Rolle.

Frau Heinz liebt ihre Kinder und hat sich bisher immer aufopfernd um sie gekümmert. Sie hat klare Vorstellungen, wie ihre Kinder aufwachsen sollen und plötzlich redet da eine ganz andere Person mit. Diese Person (also ich) macht auch noch alles anders, als Frau Heinz das kennt und da Frau Heinz gerne die Kontrolle über das hat, was mit ihren Kindern geschieht, reagiert sie total verunsichert, weil sie plötzlich gar nichts mehr unter Kontrolle hat. Und was machen manchmal Menschen, die befüchten die Kontrolle zu verlieren? – Sie gehen zum Angriff über. Dazu kommen noch eigene negative Erfahrungen mit Lehrern, wodurch grundsätzlich erst einmal Misstrauen herrscht.

Daraufhin beschloss ich einfach mal etwas zu probieren. Ich änderte meine Elterninformationspolitik. Entgegen meiner Überzeugung gab ich meine E-Mailadresse raus. Meine Klasse bekam jede Woche einen Wochenplan, auf dem es auch ein Feld Elternpost mit einigen kurzen Infos zum aktuellen Geschehen gab. Diese Maßnahmen gab es für alle Eltern, mir war es wichtig, jetzt nicht nur für Frau Heinz eine Extrawurst zu braten. Ich richtete in einem vertretbaren Intervall eine offene Sprechstunde ein, in die man ohne Anmeldung kommen konnte. Und am Elternabend legte ich den Eltern ganz klar offen, welche Ziele ich mit ihren Kindern habe. Dass ich sie zu selbständigen und kompetenten Lernenden machen möchte, die Verantwortung für sich selbst übernehmen können. Ich machte deutlich, dass es viele Methoden gibt, die zum Ziel führen und ich die wähle, die zu mir und den Kindern passen.

Ich war gespannt, was passiert. Besonders darauf, ob ich jetzt mit E-Mails bombardiert werde und bei der Sprechstunde die Elternschlange bis auf den Hof reicht…
Und was ist passiert? Von Frau Heinz habe ich in den Jahren vielleicht zehn E-Mails bekommen, die meisten mit Infos, da sie auch meine Elternbeirätin wurde. Zur Sprechstunde kommt bis heute immer genau ein einziger Elternteil. Dann führe ich zehn bis fünfzehn Minuten ein kurzes, entspanntes Gespräch und alles ist gut. Die Eltern sind ganz offen sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit zur Verfügung stelle und wissen das zu schätzen.

Was wurde aus Frau Heinz? In einem Halbjahresgespräch entschuldigte sie sich für ihr Verhalten. Sie sagte mir, sie schätze meinen Unterricht sehr und würde erst jetzt erkennen, welch wichtige Dinge die Kinder bei mir lernen.
Ich kann sagen, das ging runter wie Öl und ließ mich ungefähr eine Woche einen halben Meter über den Boden schweben. Diese Geste rechne ich ihr bis heute hoch an und verkehrte unser Verhältnis ins absolute Gegenteil. Sie begann mich zu unterstützen, wenn ich neue Sachen ausprobieren wollte und wir führten nur noch angenehme Gespräche in fast freundschaftlicher Atmosphäre. Ich kann nur sagen, seitdem fühle ich mich mit Elterngesprächen wohl und bekomme jetzt auch immer mal wieder auf diesem Weg Anerkennung. Auf jeden Fall fällt ein ganz großer Stressfaktor weg.

Fazit: Statt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, lohnt es sich ungemein, einmal radikal eine andere Perspektive einzunehmen. Ich kann jeden Lehrer nur ermutigen, dies einmal auszuprobieren. Teilt Eure Erfahrungen mit mir als Kommentar zu diesem Beitrag.